
Da unser Heft nur alle halbe Jahre erscheint, einige unserer Autoren aber vor schöpferischer Kraft und Mitteilungsdrang schier platzen, haben wir die BiS-Files eingerichtet, wo die Autoren alles kundtun können, was ihnen gerade durch den Kopf geht - ja, man könnte sagen, daß die BiS-Files so eine Art Ur-Blog sind, entstanden in einer Zeit, als es das Wort "Blog" noch gar nicht gab.
Im Moment geben sich hier die Ehre unsere Schreiber Brachland, Bös, Der leere Eimer, Elffriede, Heyoka, Kasimira und Z.
Hier sind die Einträge von Heyoka vom 15.12.2009 bis zum 28.07.2010. [Ältere Einträge]
Ein Umbruch
Im Kontor herrschte heute morgen große Trauer. Als ich beschwingten Schrittes und unter frohem Lupfen meines Hutes um punkt 6.25 Uhr die Schreibstube betrat, dem Laufburschen eine milde Kopfnuss verabreichte, meine rindslederne Aktentasche auf mein Schreibpult knallte, dass die Butterbrotdose darin schepperte, und den Hut mit elegantem Schwung auf den Kaminsims schleuderte - als ich, kurz gesagt, mich anschickte, einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag zu beginnen, fiel es mir plötzlich auf.
Wo sonst die Tastaturen klappern, Stubenhockerlungen rasseln und Bürokratengelenke quietschen, wo Kunden und Dienstboten und Geschäftspartner umherhasten und gestikulieren, wo Männer mit roten Gesichtern von Dreiecksgeschäften mit Fußleisten und Gummipfropfen, von komplizierten Transaktionen über Mittelsmänner in Feuerland und Usbekistan und von kiloschweren Aktienkäufen schreien - dort herrschte heute morgen eine trübe Stille.
Ich versuchte es noch mit einem Witz über einen Schaffner mit defekter Knipszange und einen Mathematiker, die beide von einer Blondine in einem Opel Manta nach Emden chauffiert werden, doch noch ehe ich zur Pointe gelangen konnte, flüsterte mir mein Schreibpultnachbar die schreckliche Nachricht ins Ohr, und ich verstummte augenblicklich.
Unser abenteuerliches Kontorleben war Vergangenheit, wie mir mit bleiernem Grausen klar wurde.
Denn seit heute morgen ist, so hat es die Regierung beschlossen, Sozialismus.
Rücktritt
Hiermit trete auch ich überraschend zurück.
Jetzt können Sie mal sehen, wo Sie bleiben!
Nachruf auf einen alten Kumpel
Die gute alte Kaffeemaschine ist vom Aussterben bedroht. Diese ganz normale uncoole Kaffeemaschine mit nur einem Schalter. Sie hat uns lange still und treu begleitet. Sie war immer eher der Kumpeltyp, so jemand, den alle mögen, den aber niemand begehrt. Jemand unauffälliges mit dicken Brillengläsern, aber nicht mit so einer fetten, hippen Ray-Ban-Brille - Sie wissen schon, was ich meine.
Als ich letzte Woche einmal wieder mit einem dieser divenhaften Kaffee-Vollautomaten kämpfte, die jetzt in allen Büros und zunehmend auch Privathaushalten herumstehen, mich von dieser blinkenden High-Tech-Zicke herumkommandieren ließ ("Satzbehälter leeren!", "Wassertank füllen!", "Gerät reinigen!"), musste ich plötzlich an die alte Kaffeemaschine denken. Den alten Kumpel, der selbst in Siff-WGs und nach Absturzparties ohne Allüren seinen Dienst tat. Man stelle sich so eine Espresso-Mimosenmaschine am Morgen nach einer WG-Party vor oder bei einem ordentlichen Damen-Kaffeekränzchen. Wie sie mit ihrem angestrengten Kaffeegepisse versucht, zwanzig Kaffeetrinker zu befriedigen!
Am meisten aber fehlen dieses unnachahmliche Geräusch, dieses gemütliche Spratzeln und Räuspern der alten Maschinen. Und der Geruch, der magisch durch alle Räume zieht.
Die neuen Automaten dagegen schreien und kreischen - und sie riechen natürlich nicht, denn das gehört sich für echte Profis nicht.
Primavera andaluza
Der Winter drückte aufs Gemüt, der Süden rief, und so reiste ich flugs zum schon fünften Mal ins schöne Sevilla. Der packende Reisebericht, wie gewohnt, in Stichworten:
- In der Heimat trotz Frost und Schnee in der leichten Jacke zum Flughafen gefahren. Die Devise lautete auf Fußballerisch: über den Kampf zum Frühling finden!
- Das erste Souvenir, das ich mir in Sevilla kaufte, war dann aber dennoch ein Regenschirm.
- Mit roher Gewalt gezwungen worden, zu Michael Jackson und George Michael zu tanzen. Limbomeister geworden!
- Hochachtung für das befreundete spanisch-deutsche Paar, das abends bis zuletzt mitfeierte, obwohl frühmorgens das Töchterchen Aufmerksamkeit fordert!
- Spanische Spießbürger, die ihre Kinder zum Sonntagsspaziergang herausputzen wie im Deutschen Reich zu Kaiser Wilhelms Zeiten.
- Von Zlatan Ibrahimovic wortreich beim Bierkauf beraten worden.
- Beim Arbeitsgespräch auf der Dachterasse mit Cervezita und Baulärm die Pläte verbrannt.
- Dank und herzliche Grüße an Chari II, Dirk und Maja, Chari I und Pepe, Noelia und Miguel sowie Rocio! Und an la francesa bellissima!
V-Day
Heute ist Veitstag, und auch ich möchte meine Angebetete mit einem Tänzchen erfreuen. Schon auf dem Weg zu ihr habe ich mich tüchtig in Rage gedacht, und so trieft mir, als ich vor ihrer Türe stehe, bereits eine stattliche weiße Schaumschürze von Lippe und Kinn.
"Grrrarrchz!" schmettere ich ihr aus überquellendem Herzen entgegen, als die Holde mir öffnet. Dann beginne ich auch schon augenrollend mein Haupt kraftvoll hin und herzuschleudern. Große gischtige Flocken lösen sich von meinen Lefzen und klatschen beiderseits gegen den Türrahmen sowie ins Antlitz meiner Dame. Sie schüttelt sich verschämt, doch ein verräterisches Rot schießt zugleich in ihre Wangen, das schönste Rot der Welt! Sie ist mir zugetan, verheißt es, und bei diesem Gedanken wiehere ich lauthals und schlenkere kräftig mit den Armen. Meine Hände krachen mehrmals gegen den Türrahmen, doch es brechen nur zwei Finger und ein Nagel.
Ich komme nun in Fahrt. Mit einem Schritt bin ich im Raum, krähe aus vollem Hals und stoße mir sodann das linke Knie ins Auge, einmal, zweimal und noch einmal. Ich springe hoch, lande auf dem Rücken, werfe die Beine und Arme in die Höhe, kugle in Richtung Küche und werfe mich tollwütig ins sauber sortierte Altglas. Im nächsten Moment stehe ich aber schon wieder und wirble einen mörderischen Stepptanz auf die Kacheln, während mein Kopf wild kreist.
Nun ist auch für meine Angebetete kein Halten mehr. Mit einem gellenden Schrei und gebleckten Zähnen stürzt sie sich auf mich. Wir rasen uns abwechselnd umklammernd und schlagend und drehend und die Gliedmaßen um uns werfend in den Flur zurück. Als wir im Wohnzimmer ankommen, sind wir schon kaum noch bei Sinnen. Mit einem nicht enden wollenden Klirren und Splittern und Krachen kommen wir schließlich in der Vitrine mit der Aussteuer zur Ruhe. Schwer atmend schaue ich in ihre schönen Augen: blankes Weiß mit rosigen Adern. "Ach, Du!" haucht sie, und ich erbebe.
Hinterher gab es noch Kaffee und Kuchen.
Schall und Rauch
Erst heute kam mir in den Sinn, dass es ganz besonders für die anglophonen Sportfreunde stets ein großes Vergnügen gewesen sein muss, Berichten über die deutsche Hochsprunglegende Ulrike Meyfarth zu lauschen ...
Unterwegs (Teil 514)
Das kleine Mädchen in der Fußgängerzone zu seiner Mutter: "Eigentlich hab ich gar keinen Hunger, Mama. Ich nehme nur eine Currywurst und Pommes."
Ansprüche
Leute, die monatelang wortreich von Weltreisen erzählen und einen damit ganz klein und verzagt werden lassen - und die sich dann für eine Butterfahrt nach Holland entscheiden ...
